Sonderdruck des Schlei-Bote

Zur Großen Gilde 1938

Die Türkengilde in Kappeln

von Dr. J. Nagel - Mehlby

Vom 19. bis 22. Februar wird in Kappeln die Türkengilde gefeiert. Damit wird nach 34 Jahren ein altes Brauchtum wieder lebendig, das mindestens über 200 Jahre gepflegt worden ist. Die letzte Gilde fand 1904 statt.

Wann die Türkengilde in Kappeln gegründet worden ist, steht nicht genau fest. Daß sie aber weit über 200 Jahre alt ist, geht aus den noch vorhandenen ältesten Gildestatuten von 1722 hervor, bei deren Abfassung die Gilde schon bestand. Nach mündlicher Ueberlieferung soll sie aus Anlaß der Befreiung Detlef von Rumohrs, des einstigen Patronatsherren von Kappeln, aus türkischer Gefangenschaft entstanden sein. Die Gildefeier mit ihren Trachten, Aufführungen und Tänzen soll die Heimkehr des Gutsherrn von Roest versinnbildlichen. Detlef von Rumohr kämpfte nach dem Brauch des Adels seiner Zeit in aller Herren Länder. Er fiel 1678 bei der Belagerung von Stralsund. Demnach wäre die Türkengilde über 250 Jahre alt. Sicher ist, daß die Entstehung der Gilde zeitbedingt war und in die Zeit der Türkenkriege fällt. Als infolge der Türkenkriege Unsicherheit im Mittelmeer und den angrenzenden Teilen des Atlantischen Ozeans durch die Korsaren der Nordküste Afrikas hervorgerufen wurde, erhob man in allen kleineren Staaten die Türkensteuer. Durch diese sollten in Sklaverei geratene Seeleute losgekauft werden. Damals, um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, sind auch die Türkengilden entstanden.

Die Gilden, die teilweise aus dem Ende des Mittelalters stammen, hatten den Zweck, in Not geratenen Gildebrüdern zu helfen. Das war auch bei der Kappler Türkengilde der Fall. In der Einleitung der erneuerten Gildesatzungen von 1783 wird betont, daß die Gilde den tätigen Beistand notleidender Gildebrüder zum Gegenstand habe. An Artikel 37 derselben Satzungen verpflichten sich die Gildebrüder, wenn jemand von ihnen „beim Schiffbruch das Seinige verlieren sollte“, diesem zu helfen. Ebenso wollten sie es nach Artikel 38 in Krankheitsfällen halten. Wenn auch in den alten Satzungen von 1722 diese Bestimmungen nicht vorkommen, so ergibt sich aus den Gilderechnungen und Gildeprotokollen, daß man von dieser Zeit an nach jenen Artikeln, wahrscheinlich Herkommens gemäß, damit auch früher schon vor 1722 so gehandelt hat. So erhielt 1726 Lorenz Johnßen, der zur See sein Schiff und Gut verloren hatte, 18 Mark lübsch aus der Gildelade, um nur ein Beispiel zu nennen. In den Anfängen der Gilde mag man auch vielleicht an solchen Seeschaden gedacht haben, von dem die Seefahrenden in den von Korsaren gefährdeten Gewässern bedroht waren. Daß dabei die Gründung der Gilde zu Detlef von Rumohr in Beziehung gesetzt wurde, liegt dabei sehr nahe.

Neben dem rein praktischen Zweck hatte die Gilde aber noch eine andere Aufgabe, nämlich Kameradschaft, Geselligkeit und Lebensfreude zu pflegen. Die Gildefeiern sind bei allen Gilden von jeher sehr wichtig gewesen. Dabei haben sich Sitten und Gebräuche in mannigfacher Weise aus alten Zeiten erhalten. Durch die Bestimmungen der Gildesatzungen von 1722, die sich in erster Linie auf die Gildefeiern und Gildeversammlungen beziehen, wurden die Gildebrüder an Ordnung und kameradschaftliches Verhalten gewöhnt; einer gewissen Zügellosigkeit wurde gesteuert. Wir dürfen das nicht als gering anschlagen.

Ueber den Hergang der eigentlichen Gildefeier sind keine Bestimmungen und Anweisungen festgelegt. Das war auch nicht nötig, da alles mündlich überliefert wurde. Nur können wir aus den Artikeln der Satzungen und aus den Gilderechnungen entnehmen, daß die Gilde von Anfang an ähnlich gefeiert worden ist, wie es noch heute geschieht, wenn auch hier und da Aenderungen vorgenommen worden sind.

Im 18. Jahrhundert wurde die Gilde alle zwei bis drei Jahr gefeiert, im 19. Jahrhundert zunächst alle fünf Jahre. Dann sind aber von der Mitte des Jahrhunderts an die Zeiträume von einer Gildefeier zur anderen immer größer geworden, so daß jetzt 34 Jahre vergangen sind, seit die letzte Gilde gefeiert wurde. Schon vor über hundert Jahren dauerten die Gildefeiern acht Tage. Ob das in den Anfängen der Gilde auch der Fall gewesen ist, läßt sich nicht feststellen. Bestimmt haben sie damals aber auch einige Tage angehalten. In diesem Jahre wird die Gilde vier Tage gefeiert werden.

Wenn die Dezemberversammlung, zwischen Weihnachten und Neujahr, die Gildebrüder alle an Land waren - Gildebrüder waren nur unverheiratete und unbescholtene junge Leute, meistens Seeleute - und Abhaltung der Gilde beschlossen war, begannen die Vorbereitungenmit dem Einüber der Tänze. Die Feier fand dann Ende Januar oder Anfang Februar statt, bevor die Seeleute im zeitigen Frühjahr wieder hinausfuhren. Ihren eigentlichen Anfang nahm sie mit dem Verholen eines geschmückten Schiffes auf der Schlei, wahrscheinlich in Erinnerung an die Heimkehr Rumohrs aus der Türkei. Wichtig war von jeher auch das Schießen nach dem Türken, einer mannshohen Figur. Den Höhepunkt der Feier bildete der Umzug der Gildebrüder in Tracht ohne Maske durch die Straßen Kappelns. Zuerst kam der Läufer mit dem Heroldsstab und einem Turban auf dem Kopfe. Den eigentlichen Zug eröffnete der bekränzte Türke, von einem Manne, dem Türkentrecker, gezogen. Dann folgten Graf und Gräfin, welche die Gründer der Gilde darstellen sollten, umgeben von Pagen und Negerknaben. Dann kamen Matrosen mit gezogenen Messern und der Fahnenträger, Tiroler, Italiener, nordisches Brautpaar, der berühmte Wunderdoktor Theophrastus Bombastus mit seiner Frau Angelika und seinem Famulus Monsieur Christian, die vier Jahreszeiten. Schäfer und Schäferin. Begleitet wurde der Zug von den Aelterleuten, die auf Ordnung zu sehen hatten, in Offiziersuniform und von den Narren und Juden, die sich ungezwungen unter die Menge mischten und ihre Scherze machten. Das Fahnenschwenken wurde auch vorgeführt. Anschließend wurden die alten Tänze, für jede Gruppe von besonderer Art nach alten Melodien, in den Bürgerhäusern vorgeführt. Heute geschieht es in Sälen, damit alle sich daran erfreuen können.

So waren die Gildefeiern immer ein besonderes Ereignis für Kappeln und Umgebung. Daß dabei Ausgelassenheit und Fröhlichkeit herrschten, ist nicht zu verwundern. Doch waren die Gildebrüder wohl darauf bedacht, daß bei solchen Gelegenheiten die Ordnung in ihren Reihen nicht gestört wurde, daß der gute Ruf der Gilde gewahrt blieb.

So haben die Vorfahren in der Gilde gelebt und mit ihr gefeiert. In der Gilderolle wird mancher Kappler Bürger ihre Namen wiederfinden. Da treten die alten Schiffer- und Handwerkerfamilien auf, Namen, die immer einen guten Klang hatten. Wenn jetzt das alte Brauchtum wieder neu auflebt, so hat das einen besonderen Sinn. Unsere Zeit hat ein besonders feines Verständnis für Heimatverbundenheit, Familiensinn und alte Tradition. Das zu fördern, ist Sinn der Gildefeier. Wenn das Leben äußerlich auch andere Formen angenommen hat, der Pulsschlag der Ahnen geht wie ein mächtiger Strom hindurch.

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